„Plötzlich merkte Frodo, daß ein ungewöhnlich aussehender, wettergegerbter Mann im Dunkeln an der Wand saß. Er hatte einen fleckigen Mantel aus schwerem, dunkelgrünem Tuch übergeworfen und trug trotz der Hitze im Raum eine Kapuze, die sein Gesicht beschattete.”
Dieser Ausschnitt aus Der Herr der Ringe: Die Gefährten beschreibt die erste Begegnung Frodos mit Aragorn. Wer die Bücher und Filme kennt, wird wissen, dass Aragorn später Frodos Freund, ein Held und schließlich König wird. Doch bei dieser ersten Begegnung erscheint er eher als geheimnisvoller, zwielichtiger Fremder.
Aber was genau lässt diesen Eindruck bei uns entstehen? Und was sagt das über die Art aus, wie literarische Figuren charakterisiert werden?
Wir lesen nicht ohne Vorwissen
Der Text sagt mit keinem Wort, dass dem Mann nicht zu trauen sei – er wird zwar als ungewöhnlich aussehend beschrieben, aber der restliche Eindruck entsteht in unserer Interpretation: Er versteckt sein Gesicht unter einer Kapuze und sitzt in einer dunklen Ecke. Dass wir daraus auf sein Wesen oder seine Motive schließen, funktioniert nur, wenn wir selbst gewisse Vorstellungen darüber mitbringen, wie bestimmte Menschen ‚sind’.
Wenn wir bestimmte Merkmale wahrnehmen, verbinden wir sie automatisch mit Charaktereigenschaften: So sind z.B. im Märchen schöne Figuren häufig gut und hässliche schlecht. Diese Verbindungen entstehen unter anderem aus gesellschaftlichen Prägungen und Vorstellungen, die in kulturellen Schemata verankert sind. Solche Schemata, wenden wir beim Lesen meist intuitiv und unbewusst an.1
Diese Schemata sind zunächst weder gut noch schlecht. Sie helfen uns, Informationen einzuordnen – sowohl in der fiktiven als auch in der realen Welt. Wie Geschichten mit diesen Schemata umgehen, kann uns jedoch zeigen, dass es sich dabei um Deutungsmuster handelt – und nicht um Tatsachen.
Wie Geschichten unsere Erwartungen lenken
Durch die Beschreibung Aragorns bedient Tolkien gewisse Schemata und ruft bei seinen Leser:innen Assoziationen mit einem zwielichtigen Fremden hervor. Im weiteren Verlauf der Geschichte verändert sich jedoch unser Bild von Aragorn: Aus dem zwielichtigen Fremden wird ein Freund und eine Heldenfigur.
Geschichten können unsere Erwartungen auf unterschiedliche Weise lenken. Sie können etwa:
- Erwartungen zunächst bedienen und später unterlaufen (Bsp. Aragorn)
- unseren Erwartungen von Anfang an widersprechen
- vertraute Vorstellungen bestätigen.
Wann ist ein Erzähler unzuverlässig?
Doch macht eine falsche Einschätzung der Leser:innen den Erzähler automatisch unzuverlässig? Von unzuverlässigem Erzählen sprechen wir ganz intuitiv, wenn es begründeten Anlass gibt, an der Darstellung der erzählten Welt durch den Erzähler zu zweifeln. Das kann unterschiedliche Gründe haben:
- Ist die Wahrnehmung des Erzählers auf eine einzelne Figur beschränkt (z.B. Ich-Erzählung des Protagonisten), erfahren wir als Leser:innen nur deren Sicht der Dinge. Solche Informationslücken machen den Erzähler für sich genommen noch nicht unzuverlässig.
- Anders sieht es aus, wenn ein Ich-Erzähler etwa durch Vorurteile, persönliche Interessen und Wertungen oder eine verzerrte Wahrnehmung zu einer Darstellung gelangt, an der wir begründet zweifeln können. Auch wenn ein Erzähler bewusst lügt oder Informationen absichtlich verfälscht, kann unzuverlässiges Erzählen entstehen.
- Ein unzuverlässiger Erzähler kann noch weiter gehen und uns ein falsches Bild von der erzählten Welt vermitteln – beispielsweise von der Vergangenheit einer anderen Figur.
- Der Erzähler kann Informationen bewusst zurückhalten, um bestimmte Erwartungen zu wecken oder einen Plot Twist vorzubereiten. Wenn wir etwa aufgrund unserer kulturellen Schemata eine Figur falsch einschätzen und die Geschichte diesen Eindruck später korrigiert, bedeutet das nicht automatisch, dass der Erzähler unzuverlässig ist. Er hat uns möglicherweise nur bestimmte Informationen noch nicht gegeben. Hier unterscheiden wir das bewusste Zurückhalten von Informationen und eine bewusste Täuschung.
Was bedeutet das für dich als Autorin?
Du musst nicht alle Möglichkeiten des unzuverlässigen Erzählens ausschöpfen, um es für deine Geschichte zu nutzen. Es kann Spannung erzeugen, Plot Twists ermöglichen oder deinen Leser:innen ihre eigenen Vorurteile vor Augen führen. Achte dabei auf Folgendes:
- Kenne die Erwartungen deiner Leser:innen. Welche Assoziationen könnten bestimmte Merkmale, Verhaltensweisen oder Beschreibungen hervorrufen?
- Entscheide, welche Informationen deine Leser:innen wann erfahren. Soll sich ein erster Eindruck bestätigen oder später verändern?
- Überlege, wie zuverlässig deine Erzählinstanz sein soll. Darf sie etwas übersehen, falsch einschätzen oder verschweigen? Und woran können Leser:innen das erkennen?
- Brich Erwartungen bewusst. Ein überraschendes Figurenbild gewinnt besonders dann an Tiefe, wenn die Hinweise rückblickend nachvollziehbar sind.
Fazit
Natürlich prüfen wir beim Lesen nicht ständig, ob wir dem Erzähler vertrauen können. Wir nehmen das Geschriebene auf, entwickeln Erwartungen und ergänzen das, was der Text offenlässt, mit unseren eigenen Vorstellungen. Eine gute Geschichte kann uns diese Mechanismen bewusst machen: Sie zeigt uns, wie selbstverständlich wir kulturelle Schemata anwenden, und kann uns dazu bringen, unsere festen Assoziationen und Stereotype zu hinterfragen.
Denn lesen – und Schreiben – heißt auch, die eigene Wahrnehmung zu hinterfragen.
1 Hühn, Peter et al. (eds.): The living handbook of narratology. ↑