Beim Lektorat betrachte ich ganz unterschiedliche Ebenen deines Textes. Und schätze dabei ein: Wie funktioniert deine Geschichte – und wie kommt sie bei mir als Leserin an?
Die folgenden Aspekte geben dir einen Einblick in meine Arbeit. Je nach Text können aber auch ganz andere Fragen wichtig werden. Denn jedes Manuskript ist anders und bringt seine eigenen Herausforderungen mit.
Die Handlung: Ist die Geschichte glaubwürdig?
Ich suche nach Widersprüchen, Stellen, an denen ich den roten Faden verliere, und Ereignissen, die eröffnet, aber später nicht wieder aufgegriffen werden.
Offene Enden können genau richtig sein. Aber wichtig ist: Bleibt am Ende das Gefühl, dass etwas bewusst offenbleibt – oder dass ein Plotloch nicht geschlossen wurde?
Die Figuren: Wirken sie authentisch?
Natürlich ist nicht jede Figur gleich wichtig. Dennoch sollte ich als Leserin das Gefühl haben, dass sie mehr ist als nur eine Funktion für die Handlung.
Ich schaue also, ob ihr Charakter in sich stimmig ist, ob ihre Entscheidungen aus ihrer Persönlichkeit und ihrer Situation heraus motiviert sind und ihre Entwicklung nachvollziehbar ist. Auch wenn Figuren etwas Unerwartetes tun, sollte uns das nie aus der Welt der Geschichte herausreißen.
Die Erzählperspektive: Durch wessen Sicht nehmen wir wahr?
Die gewählte Perspektive beeinflusst, aus welcher Nähe wir die Geschichte erleben und welche Informationen uns zur Verfügung stehen. Zusätzlich können Perspektivwechsel in gewissen Szenen genau das Richtige sein, sie können jedoch auch unnötig verwirren oder Spannung nehmen. Ich achte darauf, ob deine Wahl die Wirkung hat, die du erzielen möchtest.
Das Erzähltempo: Wann braucht deine Geschichte Tempo, wann Ruhe?
Mit deiner Wortwahl, deinem Satzrhythmus, dem Einsatz von Dialogen und Szenenwechseln kannst du das Tempo deiner Geschichte beschleunigen oder verlangsamen.
Dabei frage ich mich: Passt der Rhythmus zur Handlung, zum Genre und zu dem Eindruck, den du erzeugen möchtest?
Die Spannung: Wie entsteht sie?
Spannung entsteht nicht allein durch die Handlung. Auch das Erzähltempo, die Beziehung zu den Figuren, die Verteilung von Informationen durch die Erzählperspektive und die Struktur des Textes spielen zusammen.
Ich untersuche deshalb, wo Spannung entsteht, wo sie nachlässt und ob dieses Zusammenspiel funktioniert.
Die Dialoge: Klingen sie nach deinen Figuren?
Authentische Dialoge bedeuten nicht nur natürliche, situationsangemessene Sprache. Sie sollten auch aus den Figuren heraus entstehen und mehr sein als reine Informationsvermittlung an die Leser:innen.
Ich schaue deshalb, ob jede Figur ihre eigene Stimme hat und was ein Gespräch über die Figuren und ihre Beziehung zueinander erzählt.
Show, don’t tell: Was möchtest du bewirken?
Als Leser:innen lieben wir es, zwischen den Zeilen zu lesen und unsere eigenen Schlüsse zu ziehen. Das Zeigen von Handlungen, Gefühlen und Dialogen gibt uns genau dafür Raum und stärkt unsere Identifikation mit dem Text. Einer der Gründe aus dem dies einer der Schreibtipps schlechthin ist. Doch manche Passagen brauchen auch die Distanz, Kürze oder Eindeutigkeit des Erzählens.
Entscheidend ist: Welche Erzählweise vermittelt das, was du ausdrücken möchtest? Und wie findest du darin eine gute Balance?
Die Zielgruppe: Für wen schreibst du?
Auch wenn ich es wichtig finde, deiner Geschichte freien Lauf zu lassen, gehört die Verbindung zu deinen (potenziellen) Leser:innen zum Gesamtbild deines Textes. Ein Wohlfühlroman etwa funktioniert gut mit einem sympathischen Protagonisten. Wenn du bestimmte Erwartungen an ein Genre brichst, sollte das eine bewusste Entscheidung sein.
Fazit: Was braucht deine Geschichte?
Es geht darum, herauszufinden, was dein Text braucht. Nicht jede Geschichte funktioniert nach den gleichen Regeln, und nicht jede Entscheidung, die in einem Text funktioniert, passt auch zu einem anderen. Dabei ist es mir besonders wichtig, deine Stimme als Autor:in nicht zu verändern, sondern zu stärken.
Ich möchte dir helfen, die richtigen Entscheidungen für deine Geschichte zu treffen, damit das, was du deinen Leser:innen erzählen möchtest, auch bei ihnen ankommt.